08.09.2009
Insolvenzen zeigen Grenzen

Ist die Wirtschaftskrise also in Österreich angekommen? Seit mittlerweile neun Monaten fragen sich die Österreicher – Wirtschaftstreibende, Politiker oder aber bloße Zeitungsleser – wie und wann die Krise unser Land erfassen wird. Und seit ebenfalls neun Monaten haben wir subjektiv das Gefühl, dass die Probleme weit geringer ausfallen, als wir es erwartet hatten. Die Insolvenzzahlen geben dem oberflächlich betrachtet sogar Recht.
Die Nachrichten von den Weltbörsen verheißen laufend eine Verfestigung des Optimismus und zwar kleine, aber möglicherweise nachhaltige Kurserholungen, so dass eine Bodenbildung (ein Spitzenkandidat für das Unwort des Jahres 2009) schon vielfach beobachtet werden will. Zeitgleich sprechen Wirtschaftsforscher extrem zurückhaltend über die erwartete Konjunkturentwicklung der nächsten 12 bis 24 Monate; zu turbulent sind die Entwicklungen und damit zu unzuverlässig die sonst verwendeten Lackmustests für die Wirtschaft.
Tatsächlich ist die Wirtschaft eines Landes und letztlich der Welt in weit stärkerem Maße von der Psychologie abhängig, als man gemein annehmen würde. Die darunterliegenden Zyklen sind zu lange bekannt, als dass sie übersehen oder vergessen werden könnten – jede verzögerte Bewegung – egal ob hinauf oder hinunter – erzeugt jedoch psychologische Schwingungen und Verstärkungen. Es gibt Börsenhysterien im Aufschwung wie im Abschwung, aber auch „Reiter-über-den-Bodensee Effekte” in Erkenntnis einer krisenhaften Situation. Überreaktion mit einem Wort. Und genau diese Überreaktion erzeugt die Verluste – Überinvestition genauso wie überhastetes Desinvestment.
Es hängt tatsächlich die Wirtschaft von der seelischen und emotionalen Verfassung ihrer Teilnehmer ab. Dies erkennend haben die Politiker richtig reagiert und ihren Beitrag zu einer technischen aber vor allem auch emotionalen Stabilisierung geleistet. Es waren rasch wirkende Aktionen dabei (z. B. das Stabilisierungspaket für Einlagen bei Banken), aber auch mittel- und langfristig wirkende Maßnahmen, deren Einsetzen wir noch feststellen müssen. Zum Beispiel eine moderate Steuerentlastung im Bereich der Einkommensbesteuerung, die gepaart mit einer schwachen Inflation zu einer Stärkung der Realeinkommen führt. Soweit so gut. Doch die Frage bleibt stehen, ob die Krise in Österreich angekommen ist. Aus Sicht des KSV ist sie das in Teilbereichen zweifellos, diese sind:
• Exportwirtschaft
• Mechanische Fertigung und
• Automotive Industry
Andere wichtige Sektoren der Wirtschaft blieben im ersten Halbjahr 2009 noch weitgehend „verschont”. Der Tourismus würde gerne an ein Rekordjahr 2008 anschließen, das sowohl von einer guten Konjunktur als auch von Einmaleffekten (z.B. Europameisterschaft) gestützt war. Dies wird voraussichtlich 2009 nicht gelingen, obgleich bis jetzt kein Grund zur Besorgnis besteht. Der große Sektor der Dienstleistungen dürfte überhaupt noch nicht soviel verspürt haben. Die Krise ist in Summe daher in Österreich noch nicht voll eingetroffen. Und es steht zu erwarten, dass manche Sektoren schon wieder Aufwind erhalten, wenn andere Sektoren erst den Sog nach unten so richtig spüren.
Marktanalyse
Die Analyse der betroffenen Branchen macht schon auf den ersten Blick recht deutlich, wo die Probleme der Wirtschaft zuerst „eingeschlagen” haben: Besondere Zuwachsbranchen sind im Bereich der maschinelle und industrielle Fertigung vor allem dort zu finden, wo es auch einen Exportbezug gibt. Daher finden sich unter den Spitzenreitern der Zuwächse folgende Branchen:
• Maschinen/Metall
• Glas/Keramik
• Papier/Druck
• Textilwirtschaft/Leder
• Holz/Möbel
Die sonst sehr konjunktursensitive Bauwirtschaft hingegen weist einen deutlich unterdurchschnittlichen Zuwachs auf. Die Probleme werden dort voraussichtlich verspätet auftreten, oder – je nach Reifen der politisch akkordierten Maßnahmen (von Forcierung des Infrastrukturausbaues bis zur thermischen Sanierung) – gar nicht.
Interessant sind die Rückgänge in den Bereichen Land/Forstwirtschaft und Nahrungsmittel. Die hohen Grundstoffpreise für Nahrungsmittel der vergangenen Jahre haben hier zweifellos geholfen. Ebenso fällt ein Rückgang bei „Transportmittel/Kraftfahrzeuge” auf – das reflektiert das besonders schwierige Jahr 2008, das aufgrund der hohen Treibstoffpreise eine gedrückte Nachfrage vor allem nach Neuwägen verzeichnete. Die gesunkenen Ölpreise und die Verschrottungsprämie dürften hier eine deutliche Entspannung gebracht haben.
Ein für Österreich zwar bedeutsamer, in der Statistik aber noch „junger” Branchencluster ist die Freizeitwirtschaft. Hier werden Fitnesscenter, Schwimmbäder, Kinos und andere typische Unterhaltungs- und Freizeitunternehmen zusammengefasst. Der Zuwachs ist zwar in Prozentzahlen enorm (127 Prozent Zuwachs), aber bei den absoluten Zahlen und den Verbindlichkeiten absolut zu vernachlässigen.
Bundesländer im Überblick
Die österreichischen Bundesländer haben sich im ersten Halbjahr 2009 extrem unterschiedlich entwickelt. Dies wird durch die untenstehende Gegenüberstellung besonders deutlich.
Ein Land der zwei Geschwindigkeiten könnte man fast sagen, da der Osten (Wien, Niederösterreich, Burgenland) von der anlaufenden Welle noch großteils nichts mitbekommen hat, teilweise sogar sinkende Zahlen aufweist. Das hat zweifellos mit dem erstklassigen Branchenmix der Bundeshauptstadt zu tun, nicht zuletzt durch den hohen Anteil nationaler aber auch internationaler Zentralbehörden und dem damit einhergehenden stabilen Einkommensverhältnissen wichtiger Teile der Bevölkerung.
Spitzenreiter der Entwicklung ist das Bundesland Salzburg mit einem Zuwachs von 33 Prozent an Fällen und einem Plus von über 100 Prozent bei den Verbindlichkeiten. Dies hat zweifellos mit der besonderen Brückenstellung dieses Bundeslandes zu unserem deutschen Nachbarn zu tun und den vielen auf Import-Export spezialisierten Unternehmen bzw. sogar Generalvertretungen wichtiger Produkte. Jeder deutliche Rückgang der Handelsvolumina wird natürlich dort sofort spürbar, wo diese „durchgereicht” werden.
Tirol und Oberösterreich stehen auf dem zweiten und dritten Patz der Zunahme an Insolvenzen. Beides alte und bedeutende Industriestandorte, die mit ihrer Fertigungskapazität auch stark exportorientiert sind. Es wäre ausgesprochen überraschend, wenn diese Bundesländer die Abschwächung der OECD-Nachfrage nach Industriegütern nicht deutlich zu spüren bekämen.
Die Steiermark – letztes Jahr noch Spitzenreiter was die Zunahme der Insolvenzen betrifft – liegt im ersten Halbjahr 2009 nur mehr an vierter Stelle. Das unterstreicht den zeitlichen Faktor der Entwicklung, dass eben die Veränderungen dort früher spürbar waren, als in anderen Bundesländern.
Ausblick auf das Gesamtjahr 2009
Manche wichtigen Bereiche der österreichischen Wirtschaft sind bisher aus dem Sog der Krise herausgehalten worden. Eine wichtige Rolle spielten dabei naturgemäß die Geschäftsbanken, die bekanntlich in schwierigen Zeiten besonders gefordert sind, die Liquidität der Unternehmen aufrecht zu erhalten, dabei aber auch zu entscheiden, wem Unterstützung gegeben wird, und wem nicht. Gelingt es den größeren Unternehmen, sich kapazitätsmäßig an die geänderten Verhältnisse anzupassen, so werden die Auswirkungen keinesfalls dramatisch ausfallen. Dort, wo schon in der Vergangenheit strukturelle Mängel in den Betrieben vorlagen (Absatzprobleme, Finanzierungsschwäche oder Ertragsprobleme) wird es daher in den nächsten Monaten verstärkt zu Ausleseprozessen kommen. Gute und im Kern erfolgreiche Unternehmen werden aber diese Probleme mit Unterstützung ihrer Finanzierungspartner in den Griff bekommen.

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